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WTO
Kandidat China
In seinem Beitrag zu den Erwartungen zu dem WTO-Beitritt Chinas nimmt Dr. Michael Thomas deutlich Stellung und kommt zu einem durchaus ernüchternden Ergebnis. Liest man ausländische Presseberichte –und
besonders solche, die geographisch von der chinesischen Realität weiter
entfernt sind- so könnte man leicht meinen, ein WTO
Beitritt Chinas mache das Land abermals zum Mekka für so ziemlich
jedermann, der etwas zu produzieren oder zu verkaufen hat. Gleichzeitig
wird die Furcht vor der Gelben Gefahr wiederbelebt, wo 1.3 Mrd. billige
Arbeitskräfte die westliche Welt ins „Aus“ produzieren. Die Angst um
den Arbeitsplatz hat sich daher in den USA gerade bei denen, die WTO kaum
schreiben können, bereits so etabliert, dass jeder Abgeordnete, der wiedergewählt
werden möchte, derlei Ängste berücksichtigen muss. Der Ausgang des
Tauziehens in Washington um die Sanktionierung der von der Clinton Regierung
mit China ausgefeilschten Verträge ist daher noch keinesfalls völlig sicher.
Nun haben
zwar gerade Finanzleute, zu denen ich mich wohl zählen muss, allgemein ein
kurzes –man könnte auch sagen selektives- Gedächtnis. Dennoch erinnert
mich die Qualität derartiger Weissagungen
sehr an das, was seit den 80er Jahren bis zur, China űbrigens
eigentlich kaum betreffenden, Asienkrise in 1997- allenthalben prophezeit
wurde: Da wurde
von 1.3 Mrd. Konsumenten gefaselt, die angeblich nur darauf warteten, mit
unseren Produkten beglückt zu werden. Dass
sich von diesen 1.3 Mrd. auch heute noch nur rd. 200 Millionen mehr als das
Allernotwendigste leisten können, und auch von diesen der weitaus größte
Teil nach unseren Maßstäben
ausgesprochen arm ist, interessierte damals niemanden: Wer kein absoluter
Hinterwäldler und Krawattenmuffel sein wollte, meinte „was in China
machen“ zu müssen, und alle kamen wie die Lemminge ins geheimnisvolle
„Land des Lächelns“. Dass man auch dort bevorzugt andere belächelt,
merkten dann viele erst viel später. Die
Chinesen lernten die Regeln von Angebot und Nachfrage schnell und hängten dem
einfallenden Heer der Handlungsreisenden den Brotkorb hoch und höher: Sehr viel
smarter als die meisten anderen Entwicklungsländer,
holten sie sich lieber Produktions-Know-how ins Land als ihre schwer
verdienten Devisen fűr importierte Fertigprodukte auszugeben. Sie
bedeuteten daher jedem, der im Lande „nur“ verkaufen wollte, sich in der
Schlange der Bittsteller ganz hinten anzustellen.
Gnädiges Gehör finde nur, wer bereit sei, im Lande auch zu
produzieren. Halb
erpresst, halb bestochen -nämlich mit den Lockungen von 1.3 Mrd. Konsumenten
und billigen Arbeitskräften –als ob sich das nicht schon logisch
gegenseitig ausschlösse!- folgten wahre Heerscharen dem Ruf: Mitte 97
–also kurz vor der sog. Asienkrise und quasi auf dem Höhepunkt der
Chinaeuphorie- gab es rd. 150,000 chinesische Betriebe mit ausländischer
Kapitalbeteiligung, die mit über 15 Millionen Beschäftigten gut 41 % aller
Exporte und 55 % der chinesischen
Importe abwickelten. In Geld
ausgedrückt, wurden bis 1997 rd. 237 Mrd. Dollar ausländische Chinainvestitionen
getätigt. Mindestens 1.7 Mrd. hiervon kamen aus Deutschland. Wahrscheinlich
war das deutsche Investitionsvolumen sogar weit höher. Genau weiß es
allerdings niemand, weil, wer smart war, Hong Kong Firmen als Holdings
zwischenschaltete; etwas, das sich auch heute durchaus empfiehlt. Ich komme später
auf diesen Punkt zurück. 237 Mrd.
US$! 150,000 Auslandsbetriebe! und 15 Mio. Beschäftigte, die rund die Hälfte
des chinesischen Außenhandels bestreiten! Wahrlich beeindruckende Zahlen,
aber was blieb unter’m Strich? Nach
einer Umfrage unter den europäischen Firmen im Lande
muss man fast meinen, dass an all den China-Wallfahrten des Westens
bisher vor allem die Fluggesellschaften und Hotels sicheres Geld verdienten: Nach
Angaben der Befragten lag das Geschäftsergebnis bei 54
% unter Plan, 68 % würden
sich bei weiteren Investitionen in China aus heutiger Sicht für eine eigene
100-prozentige Tochterfirma entscheiden, und nur 32 % abermals ein Joint
Venture mit lokalen chinesischen Partnern eingehen;
50 %
hielten die Korruption im Lande für ein wesentliches Geschäftshindernis; 61 % der
Befragten hatten Probleme, weil ihre Produkte im Lande raubkopiert wurden,
und nur 12% konnten sich erfolgreich dagegen wehren; 60 %
klagten űbrigens über Konkurrenz in China durch Parallelimporte
Dritter vom eigenen Stammhaus. Hier kann man sich eigentlich nur űber die Dummheit der Stammhäuser
wundern, und weit verbreitet scheint sie –immerhin 60 %!- obendrein. Aus
unserer eigenen Praxis als Treuhänder, wo wir die Zahlen so mancher
Auslandsinvestitionen sehen, möchte ich sogar sagen, dass manch ein
Europäer, der sich in China
einen Betrieb an den Hals holte, besser daheim geblieben wäre. Und viele der
Betroffenen sehen das inzwischen ebenso. Einer fasste seine –und wohl nicht
nur seine- Situation, frei nach Mao, in dem Bon Mot zusammen: „Der
Osten ist rot. Meine Bilanz leider auch.“ Soweit,
aller marktschreierischen Euphorie der 80er und 90 Jahre zum Trotz, die
keinesfalls so rosige „IST Situation“. Und da man bekanntlich aus Fehlern
lernen soll –es müssen übrigens nicht immer eigene sein- sollten wir uns vor
Eingehen neuer Chinaabenteuer zunächst
fragen, ob WTO das Blatt zum Positiven wenden kann Im Kern
geht es bei WTO um nichts anderes als um freien Handel und den Abbau von
Handelsbarrieren der Mitgliedstaaten untereinander. Wie Sie
wissen, ist das Gefeilsche etwa zwischen der EG und China um Einzelheiten und
Geschwindigkeit dieses Abbaus zwar noch nicht ausgestanden. Legt man jedoch
das zugrunde, was Beijing gegenüber den USA bereits akzeptiert hat, so wird
China in den nächsten 5 Jahren seine Einfuhrzölle von derzeit im Schnitt
22.1 % allmählich auf durchschnittlich 17 % senken. Weit deutlicher wird
dieser Senkungseffekt noch, wenn man auf einige wichtige Einzelprodukte
schaut: So sind auf Maschinenimporte momentan noch 24.6 % Zoll fällig.
Geplant sind 9.4 %. Noch krasser ist die Senkung bei Automobilen: Hier sollen
die Importzölle von jetzt 80 bis100 % auf 25 % fallen. Ob VW Shanghai, wo man
jährlich 200,000 Autos lokal produziert, das nur gut finden wird? Ich
habe noch nicht gefragt, aber meine Zweifel. Persönlich
glaube ich sogar, dass WTO eine deutliche Trendwende weg vom Produzieren in
China und hin zum Export nach China bringen wird, und zwar aus folgender Überlegung: Zwar wird
als wesentliches Argument für einen Produktionsstandort im Lande immer das
niedrige Lohnniveau angeführt. Abgesehen von einer sinkenden Anzahl von
Bereichen wie vielleicht Näherei, spielen
die Lohnkosten jedoch keine entscheidende Rolle, da nicht
manuell produziert wird, sondern voll automatisierte Maschinen in fast
menschenleeren Hallen die Arbeit tun. Technisch gesehen, könnten diese
Maschinen eigentlich überall laufen, und die Kosten für ihr spärliches Bedienungspersonal sind kaum standortentscheidend. Über
den Ort, an dem sie aufgestellt werden, entscheiden vielmehr –von immer gern
genommenen Investitionssubventionen einmal abgesehen-
hauptsächlich die für das Produzierte im Zielmarkt
gültigen Bestimmungen wie Quoten usw., die Gewinnsteuersätze und ein
stabiles Umfeld. Mit letzterem meine ich sowohl eine nicht allzu launenhafte
Energieversorgung -sie hat sich in China deutlich gebessert-, ordentliche
Verkehrswege zum Kunden und nicht zuletzt ein faires und transparentes
Rechtssystem, in dem jeder nicht nur weiß, ob er Recht hat, sondern
auch, dass er es bekommt. So
gesehen, hat China als Standort nicht die besten Karten: Die Vergünstigungen
für Auslandsinvestoren werden schon seit einiger Zeit zusammengestrichen, die
Importzölle fallen dank WTO. Chinas
Steuern sind –zusammen gesehen mit all den vielen Abgaben, wie sie meist
ebenso kreative wie unberechenbare Bürgermeister, Bahnhofsvorsteher,
E-Werksleiter usw. usw. „erfinden“- alles
andere als niedrig. Was das
Umfeld angeht, so sind willige und gelehrige Arbeiter zwar leicht zu finden;
bereits ein westlichen Mabstäben
halbwegs entsprechender Buchhalter dagegen kaum. Da zudem alle Unterlagen,
Abrechnungen usw. auf Chinesisch sind, kann dann auch die Buchhaltung daheim
im deutschen Stammhaus nicht helfen bzw. űberwachen. Das Resultat ist
Chaos und oft genug Betrug -mehrere kleinere ausländische Betriebe in China
haben nach derlei „Erfahrungen“ die Buchführung denn auch inzwischen uns
übertragen; uns freut’s. Gibt es
im Lande irgendwelchen Streit, so ist die Rechtslage keineswegs immer
ausschlaggebend. Vielmehr scheinen sich chinesische Gerichte vor allem als
Beschützer der eigenen Landsleute gegen alles „Fremde“ zu verstehen. Kurz:
Soweit ich sehe, sind deutsche und ausländische Produktionsbetriebe in China
bis heute nur allzu oft bestenfalls „Investitionen in die Zukunft“.
Warum sich all dem also aussetzen, wenn man seine Produkte auch daheim
herstellen und – durch WTO erleichtert- nach China exportieren kann? Geht der
Trend also, wie ich meine, wieder hin zum Export nach und Verkauf in
China, so műsste die erste Frage fűr jeden Interessenten sofort
sein: Wie positioniere ich mich im „Reich der
Mitte“ erfolgreich als Verkäufer?
Zunächst einmal ist in jedem Einzelfall
sorgfältig zu prűfen, was in allzu vielen Fällen leichtfüßig einfach
angenommen wird, nämlich ob meine
Produkte in China konkurrenzfähig und überhaupt gefragt sind. “Made
in Germany” steht in China für
Maschinen, Autos, Chemie- und Pharmaprodukte, nicht für Mode oder
gutes Essen und gilt obendrein als teuer... Űberdies liegen die
Exportmächte Japan und Taiwan direkt
vor Chinas Haustür, und die USA drängen massiv auf eine bessere
Handelsbilanz durch mehr Absatz. Deutsche
Konsumgüter tun sich, soweit ich sehe, in China jedenfalls allgemein eher
schwer. Sodann ist zu entscheiden: Auf welche
Landesteile konzentriere ich mich?
Mit 9.6 Mio. qkm ist
China etwa so groß wie die EU, -und mindestens ebenso vielfältig. Die rückständige
Infrastruktur des Riesenreiches macht Transporte verderblicher Güter über
weite Strecken auf dem Landweg unmöglich. Wo also anfangen? Im
Landesinneren erreichen die Pro-Kopf-Einkommen oft nur 20 % der Küstenprovinzen.
Der Küstendurchschnitt liegt zwar auch nur bei ganzen US$ 800,- pro Jahr.
Dennoch gilt: Das Geld sitzt an
der Küste zwischen Kanton und Shanghai, allenfalls noch in Beijing. Wenn űberhaupt, dann ist also hier
Ihr Absatzmarkt. Doch schon ist die nächste
Frage dann: Sollte
ich in China einen eigenen Standort haben?
Auch wenn es WTO manch
einem in Zukunft hoffentlich erspart, in China produzieren zu müssen, so ist
es doch für den Erfolg im Lande
nicht damit getan, irgendeinem lokalen Vertriebsagenten ein paar Container mit
Ware auf den Hof zu stellen: Der Kaufmannsstand galt schon im kaiserlichen
China nicht viel, und in Maos Zuteilungsparadies der Arbeiter und Bauern war für
derlei „parasitäres Pack“ erst recht kein Platz. Nicht dass Chinesen
schlechte Händler wären. Typisch ist jedoch eher eine gewisse Bazarmentalität,
nicht der stets auf seinen guten Ruf bedachte „hanseatische“ Kaufmann, der
quasi mit seinem Ehrenwort weitverzweigte Kundenbeziehungen aufbaut oder gar
mit irgendwelchem After-sale-Service pflegt. Die Empfänglichkeit für
kundenorientierten Verkauf ist auch bei den diesbezűglich nicht gerade
verwöhnten chinesischen Käufern mit Sicherheit da. Wer so in den Markt
kommen will, muss hierfür jedoch zunächst einmal geeignetes, lokales
Personal von der Pike auf selber schulen, denn es gibt keines. Was dann auch
die nächste Frage fast schon beantwortet, nämlich, wenn eigener Standort,
dann “Joint
Venture, ja oder nein”?
Bisher
ist es Ausländern schlicht verboten,
in China auf eigene Faust Groß-
oder Einzelhandel zu treiben. Vielmehr bedarf es eines lokalen Joint
Venture Partners, der dann allerdings –ich hatte eingangs das traurige
Ergebnis der Umfrage bei den europäischen Firmen erwaehnt- oft kaum mehr ist
als eine vom Gesetz aufgedrängte Bereicherung. WTO
soll jedoch auch dieses Hemmnis beseitigen. Das kann dann, da die
Chinesen in praktisch allen Bereichen auf Übergangszeiten bestehen und damit
auch durchzukommen scheinen, zwar noch einige Jahre dauern. Es gibt jedoch aus
meiner Sicht durchaus ernst zu nehmende Gerüchte, dass Beijing mit der
Zulassung von in Hong Kong
ansässigen Firmen zum
lokalen Groß- und Einzelhandel den Anfang machen wird.
Da im Steuerparadies Hong Kong jedermann im Handumdrehen und zu kleinen
Preisen eine Firma gründen kann –auf 7 Mio Hong Konger kommen momentan
500,000 Gesellschaften- wäre das dann zwar ein Schlupfloch, so groß wie ein
Scheunentor. Man ist sich jedoch –wie ich aus eigenen Gesprächen weiß- in
Beijing durchaus im Klaren und besorgt darüber, dass Hong Kong durch WTO
seine schöne Pfründe als „Tor zu China“ einbüsst. Gibt man Hong Konger
Firmen, egal wem sie letztlich gehören, dagegen im lokalen Handel einen Headstart,
so ist die internationale Attraktivität des Standortes Hong Kong mehr als
gewahrt, und die Hong Konger Führung kann endlich aufhören, uns mit Plänen
zu beglűcken, wonach wir unsere Brötchen in Zukunft als asiatisches
Silicon Valley, Zentrum für chinesische Medizin oder Disneyland verdienen
sollen. Hong Kong ist nun mal eines der größten Handels- und Finanzzentren
der Welt. Das können wir, und sonst im Grunde gar nichts. Man
kann, auch und gerade für Ausländer, die in China verkaufen wollen,
nur hoffen, dass sich das „Schlupflochgerücht“ möglichst bald
bewahrheitet, denn beim Auf- und Ausbau eines lokalen Vertriebs steht der
jetzt noch obligate chinesische Joint Venture Partner allenfalls im Weg und hält
obendrein die Hand auf. Partnerschaften sind nun
mal selten von identischen Interessen motiviert, und die Chinesen selbst haben
hierfür ein Sprichwort, das besagt “Auch
wenn zwei in einem Bett schlafen, sind ihre Träume verschieden” Zum Schluss noch ein Wort zur überaus wichtigen Mitarbeiterfrage: Wie ich schon sagte, gibt
es in China zur Zeit so gut wie keine ordentlichen Marketing-Leute.
Die muss jeder, der nach China kommt, erst mühsam schulen. Schulung durch
deutsche Mitarbeiter, sofern die überhaupt nach China wollen,
ist allerdings durch Mentalitäts- und Sprachschwierigkeiten zumindest stark
erschwert und oft schier unmöglich. Englisch ist in China eher weniger
verbreitet als Spanisch hier in
Deutschland. Auch Ihr bester Starverkäufer und „Einpeitscher“ ist im
Umgang mit chinesischen Kunden wie Mitarbeitern dann kaum mehr als ein
taubstummer Analphabet. Die einzig gangbare Lösung
ist in dieser Situation, Taiwanesen oder
Hong Kong Chinesen anzuheuern. Dort gibt es erfahrene Leute; sie sind
jedoch keinesfalls billig und erwarten überdies meist eine großzügige
Erfolgsbeteiligung. Egal, ob Ihr Hong Konger dann im Endeffekt doppelt so viel
verdient wie Ihr deutscher Starverkäufer daheim: Wenn
der Erfolg da ist, teilen Sie mit den Leuten, die ihn hatten! Anerkennung
wird, űberall wo es um Chinesen geht, nun mal mit Geld ausgedrűckt,
und ohne die Loyalität Ihrer
Hong Konger oder Taiwanesen in den Schűsselstellungen können Sie schnell
einpacken! Für meinen Geschmack
springen jedenfalls in China und auch Hong Kong allzu viele spätpubertäre
deutsche Jünglinge in den Betrieben herum. Jeder muss sich zwar irgendwo und
irgendwann mal „die ersten Sporen verdienen“. Unser schwieriges Pflaster
ist hierfür jedoch kaum der rechte Ort.
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