Dr.
Kurt Wiesegart
Geschäftsführer
der Pacific Consult GmbH, 69493 Hirschberg
Wandel
der Entwicklungsschwerpunkte in China’s Energiesektor
Seit Mitte der 80er Jahre
verzeichnete China’s Energiesektor ein außerordentlich hohes Wachstum: die
jährlichen Zuwachsraten beim Ausbau der Stromerzeugungskapazitäten
erreichten im Jahresdurchschnitt ca. 12 % - ohne daß die rapide wachsende
Stromnachfrage gedeckt werden konnte. Bis 1993, 1994 waren trotz der hohen
Zubauraten regional Stromdeckungslücken von 15-20 % zu verzeichnen. Fast 100
Mio. Menschen waren (und sind noch) ohne Stromanschluß.
Ein
drastischer Wachstumseinbruch erfolgte 1996/97 - ausgelöst von der
wirtschaftlichen Krise, die von Südostasien ausging. Die Wachstumsraten des
BSP gingen nahezu auf Null zurück (bedingt unter anderem durch den Rückgang
der Exporte und Exportgüterpreise, reduzierte Auslandsinvestitionen, Rückgang
des Warenaustausches mit SO-Asien).
Die
Stromnachfrage begann zu stagnieren. Mit der Fertigstellung zahlreicher Groß-Kraftwerke
- davon zahlreiche Projekte mit Auslandsinvestitionen finanziert - begannen
sich ab 1997/98 regionale Überkapazitäten abzuzeichnen.
Die chinesische
Regierung reagierte prompt: Ein Genehmigungsstopp für den Neubau von
thermischen Kraftwerke wurde für den Zeitraum von 4 Jahren erlassen. Nachdem
bis Mitte 1996 BOT-Projekte noch als Lösung des Versorgungsengpasses
angesehen worden waren, wurden seither keine neuen BOT-Projekte mehr
genehmigt.
Im März 1998
wurden von der Regierung neue Entwicklungsrichtlinien für die
Gesamtwirtschaft festgelegt. Hohe Priorität wurde dem Umweltschutz
zugeordnet. Innerhalb des Energiesektors wurde diesbezüglich u.a. beschlossen
30 GW an KW-Leistung stillzulegen - thermische Kraftwerke mit einer Leistung
von unter 50 MW, die sich vor allem durch einen niedrigen Wirkungsgrad und
entsprechend hoher Umweltbelastung auszeichnen. Ferner wurde beschlossen, die
Entwicklungspriorität innerhalb des Energiesektors umzuschichten: weg von der
Erzeugung hin zur Übertragung u. Verteilung. T&D war über Jahrzehnte
hinweg zugunsten von Stromerzeugung vernachlässigt worden.
Im Jahr 1998
beschloß die chinesische
Regierung bis zum Jahr 2010 rd. 370
Mrd. RMB (90 Mrd. DM) in den Ausbau der Stromübertragungseinrichtungen sowie
dem Ausbau und der Modernisierung der Stromverteilung in den Städten und auf
dem Land zu investieren.
Grundlegende
Reformen – Dezentralisierung der Entscheidungsbefugnisse und
Kommerzialisierung der Energieerzeugung und -verteilung
Ferner
wurde im März 1998 ein Vierstufen-Plan für die Umstrukturierung des
Energiesektors vorgelegt:
1.
Mit der Auflösung des Energie-Ministeriums bzw. dessen Umwandlung in die
State Power Corporation (SP) als kommerzielles Unternehmen wurde die erste
Phase formal abgeschlossen. Die administrativen /hoheitlichen Befugnisse des
aufgelösten Ministeriums wurden der SETC (State Economic & Trade
Commission) zugeordnet.
2.
Im zweiten Schritt (ab 1998) wurden gleichgerichtete Umwandlungen auf
Provinzebene eingeleitet: die Entflechtung von staatlichen Aufgaben und
unternehmerischen Belangen. Die Energieunternehmen auf Provinzebene, bislang
die Provincial Power Bureaux, wurden (und werden noch) in Corporations
umgewandelt.
3.
Im dritten Schritt (ab 2000-2010) wird die Trennung zwischen Stromerzeugung
und -übertragung und -verteilung durchgeführt werden, mit dem Ziel eine
kompetitiven Stromversorgungsmarkt zu errichten.
4.
Im vierten Schritt wird auch die Kommerzialisierung der Stromverteilung
avisiert: der Aufbau eines kompetitiven Stromverteilungsmarktes in China.
Sollte
China diese Maßnahmen umsetzen, wird China im nächsten Jahrzehnt wohl einer
der liberalsten Strommärkte weltweit sein.
Mit
der Abtrennung der Stromerzeugung (G) von T&D wurde bereits begonnen. In
mehreren Provinzen, wie z.B. Shandong oder Zhejiang, hat das regionale EVU
bereits kein einziges Kraftwerk mehr in 100%igem Eigentum. Alle Kraftwerke
sind in IPP umgewandelt - auf Basis eines Joint Venture-Unternehmens meist mit
inländischen, z.T. mit ausländischen Kapital. Einzelne Kraftwerke werden
bereits an der Börse notiert. Die Provincial Power Corporations nehmen als Käufer
den Kraftwerken den Strom ab und verteilen bzw. verkaufen ihn an die Groß-
und Einzelkunden.
Daneben gibt es in den verschiedenen Regionen IPPs in Großunternehmen,
die Strom i.w. für die Eigenversorgung erzeugen.
Einher
geht mit dieser Entwicklung ein grundlegender Dezentralisierungsprozess der
Entscheidungen. Der Zentralstaat, vertreten durch zentrale od. regionale
Institutionen, zieht sich mehr und mehr auf indirekte Lenkungsmechanismen zurück.
Ausbau
der thermischen Kraftwerkskapazitäten voraussichtlich ab 2001/2002
China
befindet sich gegenwärtig an einer Schnittstelle. Nach wie vor sind regionale
Überkapazitäten in der Energierzeugung in einzelnen Provinzen gegeben.
Allerdings rechnet die chinesische Regierung (und auch internat.
Organisationen wie die Weltbank), daß die Überkapazitäten bald erschöpft
sein werden und zwar bedingt durch
-
anhaltende
wirtschaftliche Erholung (wieder steigende Zuwachsraten im
Wirtschaftswachstum und dadurch induzierte wachsende Nachfrage nach Strom)
-
Stillegung
vorhandener veralteter Kraftwerkskapazitäten
-
wachsende
Nachfrage durch Ausbau der T&D Kapazitäten: neue Kunden, verbesserte
Versorgungsmöglichkeiten und last not least:
-
steigende
Nachfrage vor allem der Privaten Haushalte bedingt durch steigenden
Lebensstandard - zunehmende Elektrifiziertung der Haushalte (Kühlschränke,
elektr. Geräte)
Die
installierten Stromerzeugungs-Kapazitäten pro Kopf der Bevölkerung in China
betragen bislang ca. ein Sechstel (0,23 kW) jener der Industrieländer (Dtld.:
1,25 kW); gleiches gilt für den Stromverbrauch. Einzelne Provinzen sind jetzt
bereits damit befaßt, die zentralstaatlichen
Beschränkungen zu umgehen und über die Modernisierung der
Kraftwerksanlagen die Kapazitäten zu erweitern.
Zuliefermöglichkeiten
der deutschen Industrie
Die
Möglichkeiten der Zulieferungen für den chinesischen Energiesektor sind
umfassend – beispielsweise für die Modernisierung bestehender Anlagen:
Gefragt sind zunehmend Anlagen und Komponenten mit hohem Wirkungsgrad - vor
allem um den Gesamtwirkungsgrad der bestehenden Kraftwerke zu erhöhen - seien
es Kessel, Turbinen, Pumpen, Gebläse für Kühlungen, Kondensatoren, Systemlösungen,
etc. Die zunehmende Kommerzialisierung der Kraftwerke führt zu einem
steigenden Interesse an Anlagen und Komponenten mit geringem Wartungsaufwand
und längerer Nutzungsdauer, so daß auch höhere Anfangsinvestitionen in Kauf
genommen werden.
Gleiches
gilt für die Modernisierung und den Ausbau der Stromübertragungs- und
Verteilungseinrichtungen: angefangen mit Transformatoren mit großen Kapazitäten,
dazu zählen auch Komponenten wie z.B. Leistungsschalter für Transformatoren,
bis hin zu oder GIS-HS-Schaltanlagen oder Komponenten für HGÜ (China baut
das 500 kV-Netz aus, um ein landesweites Verbundsystem zu schaffen), etc.
Ansprechpartner
für deutsche Lieferanten sind mittlerweile nicht mehr die zentralen Instanzen
(wie die SP) sondern vorrangig die Energieversorgungsunternehmen auf
Provinzebene bzw. deren inzwischen neu gegründete spezialisierte
Tochtergesellschaften.
Neben
den EVUs und deren Töchtern sind die regionalen Investitionsgesellschaften
sowie die regionale Planungskommission und die Economic and Trade Comission
von Bedeutung. Noch ist es jedoch nicht ausreichend, sich ausschließlich auf
den regionalen Counterpart bei der Kontaktaufnahme und den Verhandlungen zu
beschränken. In Anbetracht der gegenwärtigen Übergangssituation ist es
notwendig, alle relevanten administrativen Institutionen einzubeziehen, um
zeitaufwendige Irrwege zu vermeiden.
Hohe
Priorität: Umweltschutz
Seit
März 1998 hat – wie erwähnt - der Umweltsektor hohe Priorität in der
chinesischen Entwicklungsplanung. Dies hat seine Gründe:
Zu
den 10 schmutzigsten Städten der Welt gehören mittlerweile 5-6 chinesische
Metropolen - wie z.B. Shenyang (NO-Chna),
Taiyuan (in der Kohle-reichen Provinz Shanxi), Lanzhou (Hauptstadt der Provinz
Gansu), Chongqing oder auch Beijing (zumindest bis im letzten Jahr)
Umfassende
Maßnahmen werden vorbereitet und sind bereits auch durchgeführt, um die drängende
Probleme anzugehen. Neben der Stillegung von kleinen thermischen Kraftwerken
(s.o.) werden unter anderem kleine Zementfabriken, Pulp u. Paper-Fabriken,
kleine Kohlegruben oder kleine chemische Fabriken etc. stillgelegt –
Fabriken, die vorgegebenen Effizienzkriterien nicht entsprechen und die Umwelt
in hohem Maße beeinträchtigen.
Um
dem Ganzen das entsprechende Gewicht zu verleihen, wurde der Status der NEPA
(National. Environment Protection Agency) seit März 1998 angehoben
(Umbenennung in State Environment Protection Administration), der Leiter der
SEPA in den Rang eines Ministers erhoben. In allen Provinzen sind Environment
Protection Bureaux eingerichtet, die mit wachsenden Vollmachten ausgestattet
werden.
Vergleichsweise
hohe Umweltauflagen werden mittlerweile für den Neubau von Anlagen sowie
Erweiterungen von Industrieanlagen vorgegeben.
Hohe
Priorität haben in den staatlichen Investitionsprogrammen die Bereiche
Wasseraufbereitung und –versorgung, Luftreinhaltung sowie Festmüllentsorgung.
Bei der Festmüllentsorgung gibt es unter anderem in verschiedenen Städten
Ansätze, den Festmüll zu verstromen.
In
Anbetracht des noch vergleichsweise niedrigen Entwicklungsstandes der
chinesischen Industrie im Bereich Umwelttechnik sind in den o.g. Bereichen
umfängliche Möglichkeiten für Lieferanten und für Kooperationen gegeben
– angefangen von Ausrüstungen für Meßstationen für Luft/Wasser/Boden,
Labor- und Analyseeinrichtungen, das Monitoring von Umweltbelastungen, Filter-
und Schutzanlagen, Entsorgungseinrichtungen, Abfalltrennsysteme, Müllpressen,
kompletten Systemen, Verbrennungstechnologien bis hin zu Komponenten zur
Steigerung des Wirkungsgrades bei der materiellen Produktion.
Finanzierungen für Lieferungen und Kooperationen, die noch bis vor
wenigen Jahren das Haupthindernis für den Ausbau der Geschäfte im
Umweltbereich bildeten, verlieren zunehmend an Bedeutung. Auch chinesische
Banken stellen in wachsendem Umfang Finanzierungen für Umweltprojekte bereit.
Allein die Stadt Shanghai investiert in den letzten Jahren per annum 11- 13 Mrd RMB (2,8-3,25 Mrd. DM) für Umweltprogramme – mit steigender Tendenz.
Als mittelfristiges Ziel ist
die Umwandlung der Corporations auf Basis des neuen Gesellschaftsrechtes
(von 1995) in GmbH’s (limited liability companies) vorgesehen, langfristig
die Umwandlung in Aktiengesellschaften.