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Philosophie im alten China
BERLIN
- (trempel) - Die Grundlagen des geistigen Lebens haben sich in China
seit 1945 dramatisch verändert. Einer historischen Tradition wurden die
Gedanken des inzwischen gescheiterten Kommunismus russischer Prägung
ebenso aufgesetzt, wie die pragmatischen Thesen Mao-Zedongs. Dennoch ist
es immer noch wichtig, sich mit den historischen Wurzeln der konkreten
Ausformung des chinesischen Kommunismus zu beschäftigen.
China kann auf
eine lange philosophische Tradition zurückblicken, die sich von der europäischen
vor allem darin unterscheidet, daß die Philosophien des Westens sich im
wesentlichen an der Fragestellung nach dem Sinn des Lebens orientierten,
wobei die Zukunft der Menschheit eine entscheidende Rolle spielt. Das
Spannungsverhältnis zwischen Mensch und Gesellschaft wurde immer
zugunsten des Individuums entschieden. Die dem
westlichen Denken eigene Angst vor dem Tod und Furcht vor dem Leben
ist in China wie auch im übrigen Asien unbekannt. Die Harmonie-Lehre des
Ostens ist überwiegend gegenwartsbezogen. Dem Individuum kommt gegenüber
der Familie und der Gesellschaft eine untergeordnete Bedeutung zu.
Inwieweit die Ein-Kind-Politik die ethischen Grundlagen des Landes verändert,
bleibt abzuwarten. Ohne Einfluß ist sie bestimmt nicht.
Zwei
Geschichtsepochen haben das Denken und Handeln der Chinesen entscheidend
geprägt: die Periode der Hundert Schulen (770-476v.Chr.), die die
klassischen Philosophieschulen hervorbrachte, und die Periode des
Marxismus-Leninismus (Mao-Zedong-Ideen) in China seit 1921.
Die
alten Schulen verknüpften überlieferte Riten, Traditionen und Religionen
mit dem jeweiligen Zeitgeist und versuchten so, Antworten auf die Probleme
der Zeit zu geben. Über allem steht der Himmel, der mit der Erde eine
Einheit bildet. Im Streben nach Harmonie zwischen Himmel und Erde,
Mensch und Natur, Sonne und Universum sind sich alle Schulen einig.
Nur der Weg zum Ziel ist verschieden. Einig ist man sich auch darin, daß
die Harmonie und die Ordnung unter dem Himmel nicht gefährdet werden
darf. Die goldene Mitte, das
richtige Maß muß gewahrt bleiben. Diese Ausgangsposition der alten
Schulen erklärt mit die historische Toleranz der Chinesen, die bis 1920
mit Ausnahmen durchgehalten wurde.
Der
„Siegeszug des Marxismus-Leninismus“, wie es so schön heißt, hat das
historische Denksystem grundlegend angegriffen. Die Politik von Maß und
Mitte, wie Konfuzius sie begründete, steht im Gegensatz zur Diktatur
des Proletariats, da diese den einseitigen Klassenstandpunkt des
Proletariats einnimmt. Natürlich nahm auch der Kaiser früherer Epochen
einen einseitigen Herrschaftsstandpunkt ein. Anders als heute unterlag
aber jene Herrschaft dem Mandat des Himmels, und dieses gebot dem
Herrscher, zum Wohl aller beizutragen. Nicht die Unterdrückung der
anderen Klassen führte zu diesem Ziel, sondern der Ausgleich der
Interessen. Die große Mehrheit der Chinesen lebt seit 1949 in einem Land,
wo diese alte Tradition bekämpft wird. Doch hat es die KP Chinas bis
heute nicht geschafft, die überkommenen Vorstellungen zu verdrängen. Das
Alte setzt sich vielmehr unabhängig vom Wollen der Partei immer wieder
durch, auch in der Partei selbst.
Die Lehre von
Yin und Yang
Seit
jeher, so scheint es, war das chinesische Denken vom Streben nach
vollendeter Harmonie zwischen den allen Dingen innewohnenden Gegensätzen
bestimmt. Einheit trotz gleichzeitiger Widersprüchlichkeit galt als
oberster Grundsatz. Die Prinzipien, die dabei jeweils eine Seite des
Widerspruchs darstellten, benannte man Yin
(wörtlich eigentlich schattige, dunkle Seite des Berges; weiblich,
passiv, dunkel und dienend) und Yang
(wörtlich eigentlich lichte Seite des Berges; hell, aktiv, männlich und
herrschend). Es gibt nichts unter dem Himmel, also auf der Erde, was nicht
Yin oder Yang ist.
Die
Verschlungenheit der Gegensätze und ihre sich wechselseitig bedingende
Natur, die ein zentrales Anliegen dieser Lehre bilden, kommen sehr
anschaulich in dem bekannten Yinyang-Symbol zum Ausdruck. Nicht die
Scheidung von Hell und Dunkel,
von Gut und Bösen ist, worauf es dieser Lehre ankommt, sondern deren
gegenseitige Durchdringung und die fließenden Übergänge vom einen zum
anderen im Werden. Sie unterscheidet sich darin deutlich von
gnostisch-dualistischen Konzepten des Mittleren Osten. Die Kreisform, der
Übergang von Hell und Dunkel und der Wandel weisen als Ursprung dieser
Vorstellung auf den Wechsel der Mondphasen hin. Und wirklich kann am
Beispiel des Mondes die dialektisch Struktur dieses Konzeptes anschaulich
erklärt werden: Lichtseite und Schattenseite des Mondes sind untrennbar
miteinander verbunden. Auf dem Weg des Mondes vollführen sie im
Gleichtakt mit seiner Wanderung eine Drehung um 360° um ihn herum.
Dadurch wendet der Mond uns auf der Nachtseite seines Weges, als Vollmond,
seine Lichtseite zu, auf der Tagesseite aber, als Dunkelmond, blicken wir
auf seine Schattenseite. Dies ist die Naturgrundlage jener Grundstruktur
des Weges (Dao), die das bekannte Symbol darstellt.
Die
Naturphilosophie prägte alle anderen Denksysteme. Konfuzius'
Herrschaftssystem ordnete sich z. B. so: Yin ist immer die Frau, der
Diener, der Sohn oder der Fürst gegenüber dem Kaiser. Yang ist immer der
Vater, der Ehemann, der Fürst gegenüber dem Volk usw. Die Lehre zieht
sich wie ein roter Faden durch den Daoismus. So stellt sich z.B. die
Gesundheitsphilosophie der Daoisten entscheidend auf das Streben nach
Einheit zwischen Mensch und Natur und nach Unsterblichkeit dar. Schließlich
ist die Lehre von Yin und Yang auch der Ursprung der chinesischen Version
des Despotenmordes. Ein unwürdiger Kaiser, der seine Pflichten vernachlässigt
oder das Volk schlecht behandelt, darf beseitigt werden, denn er stört
die Harmonie.
Der
Konfuzianismus
Konfuzius
soll 551-479 v.Chr. gelebt
haben; das Datum wird üblicherweise anhand der Ahnenfolge der Familie des
Meisters angegeben. Seine Lehre beschäftigt sich im wesentlichen mit dem
Leben des Menschen in der Gesellschaft, das Leben nach dem Tode behandelt
sie nicht. Als Sohn einer alten kleinadligen Familie im Staate Lu (s. Qufu),
die ihre Herkunft aus der Shang-Dynastie herleitete, war sein Denken
wesentlich vom Zerfall des Feudalsystems und dem Niedergang der
Zhou-Dynastie geprägt. Sein Anliegen war es, die moralischen und
sittlichen Vorstellungen der Vorzeit zu erneuern.
Konfuzius
behielt den Ahnenkult bei und nahm die Riten der verschiedenen
chinesischen Stämme in seine Lehre mit auf. Für ihn war der Tugendhafte
der wahrhaft Edle. Tugend könne nicht vererbt werden, sondern müsse von
jeder Generation neu erworben werden. Für einen Fürsten sollte es
ausreichen, wenn er moralisch einwandfrei lebte und sich mit tugendhaften
Menschen umgab. Unablässige Selbsterziehung, sittlicher Ernst in allen
Angelegenheiten und Aufrichtigkeit sollten die höchsten Tugenden sein,
gefolgt von Redlichkeit, Folgsamkeit, Güte und Loyalität.
Der
Privilegierte sollte sein Amt aufgeben, wenn er seine moralischen Grundsätze
in diesem nicht durchsetzen konnte. Das Streben nach Glück, Reichtum und
Anerkennung widersprach der Moral Konfuzius' nicht. Unter "Selbstzucht
und das Ritual wiedereinführen" forderte er die
Wiederherstellung der alten gesellschaftlichen Herrschaftsformen eines
vergangenen Goldenen Zeitalters. Um der Verwirrung der Zeit zu entgegnen,
stellte er auf die Klärung der Begriffe ab. Der Vater sei Vater, der Sohn
Sohn, der Fürst Fürst und der Diener Diener. Unter den Han wurde nach
den Grundsätzen der konfuzianistischen Lehre der Staat organisiert. Die
klassische Hierarchie der chinesischen Gesellschaft, wie sie sich bereits
in der Familie darstellte und im Feudalismus gesellschaftlich ausformte,
galt nun im ganzen Reich.
Ganz
oben stand der Kaiser, der nicht nur der oberste Priester war, sondern
auch als Himmelssohn das Mandat des Himmels hatte. Die Macht des Kaisers
verteilte sich über die Provinzen des Reiches. Ein örtlicher Grundherr
stand an der untersten Stelle der kaiserlichen Hierarchie. Er nahm
Verwaltungsaufgaben wie Steuereinziehung u.ä. wahr. Die Macht des Kaisers
endete im chinesischen Dorf, das sich im wesentlichen selbst verwaltete,
soweit nicht Leistungen an den Kaiser zu erbringen waren.
Im
Dorf herrschte die Familie oder das Clan-System. Die innere Struktur war
patriarchisch aufgebaut. Hier folgte alles dem Willen des ältesten
Mannes. Frauen hatten keine Bedeutung. Für die Familie galt die
Unterordnung des Einzelnen unter das Ganze, denn nur wenn das Ganze
gesichert ist, hat auch der Einzelne eine Zukunft. Das Verhalten innerhalb
der Familie ist daher von Ehrfurcht gegenüber dem Höheren geprägt. Die
gleiche Ehrfurcht hatte jeder dem Fürsten zu zollen. Wer diese Ordnung
verletzte, konnte getötet werden. Die Rebellion wurde zum größten
Verbrechen erklärt, es sei denn, sie richtete sich gegen einen unwürdigen
Kaiser, der sein Mandat des Himmels verloren hatte. Die chinesische
Familie besaß kein solches Mandat, deshalb war hier Unterordnung erste Bürgerpflicht.
An
der Staats- und Gesellschaftsstruktur hat sich auch nach 1949 nichts
Wesentliches geändert, wenn auch der Organisationsrahmen heute anders ist
als im kaiserlichen China. Aber auch die KP Chinas lebt vom Prinzip der
Unterordnung des Volkes unter die jeweiligen politischen Führer und unter
das Politbüro der Partei. Konfuzius' Schüler entwickelten die Lehre während
der Jahrhunderte nach seiner Zeit weiter. Eine grundsätzliche Änderung
ist jedoch nicht eingetreten.
Der Daoismus
(oder Taoismus)
geht
angeblich auf den alten Meister, Laozi
(auch Laotse; um 600v.Chr.,
die Angaben reichen von 604v.Chr. bis 300v.Chr.), zurück. Das ihm
zugeschriebene Buch Dao de jing, das Buch vom Weg und von der Tugend, ist
eine Auflistung politischer, metaphysischer und ethischer Vorstellungen.
Historiker streiten sich darüber, ob Laozi wirklich existierte, da das
DaoDeJing Texte verschiedener Epochen enthält, die schwerlich von einem
Menschen geschrieben worden sein können.
Das
Dao Dejing
ist in zwei Büchern mit 81 Kapiteln erhalten und gilt als
eines der meist kommentierten Werke der Welt. Obwohl es verschiedene
Auslegungen gibt, bleibt ein metaphysischer Zug des Werkes unverkennbar.
Der Mensch schaut nach dem Maß der Erde, und die Erde richtet sich nach
dem Maß des Himmels. Der Himmel orientiert sich am Maß des Dao, und das
Dao am Maß seiner selbst. Dadurch wird das Dao
(der Weg) notwendig unbestimmbar. Dies erkannte auch Laozi, weshalb für
ihn das höchste Maß der Erkenntnis auch die Gewißheit darum war, daß
man nichts wußte. Den Weg findet nur, wer nicht handelt. Die Abkehr von
der Welt mit ihren Zwängen und die Suche nach der persönlichen
Befriedigung, die nicht mit dem Streben nach materiellen Gütern
gleichzusetzen ist, stehen dabei im Vordergrund. Gewinn ist zu verschmähen,
Einfachheit zu erstreben.
Der
Daoismus setzte sich nie wie der Konfuzianismus durch. Er konnte keine
befriedigenden Erklärungen für das Funktionieren des Staates und der
Gesellschaft geben, seine antiautoritäre Grundhaltung macht ihn zur
Rechtfertigung von Machtstrukturen unbrauchbar. In späteren Zeiten
entwickelte er sich zu einer Religion, deren Anhänger sich in Sekten
zusammenschlossen. Erhalten ist bis heute die daoistische
Gesundheitsphilosophie, die z.B. das Schattenboxen und die Akupunktur umfaßt.
Der von Daoisten entwickelte Liebeskult hat im heutigen China dagegen
keine Bedeutung mehr.
Der Legalismus
Den
Legalisten war die Anerkennung der überkommenen Ordnung unter dem Himmel
verpönt. Sie widersetzten sich dem Zwang, die alte Herrschaftsstruktur übernehmen
zu müssen. Die Schule der Legalisten setzte sich im Staat Qin zur Zeit
der Streitenden Reiche durch.
Im
Verhältnis zur machtlosen Zhou-Dynastie und zu den anderen Staaten des
Feudalverbundes lehnten die Legalisten den alten Grundsatz, wonach man
sich der Regierung und Führung von oben zu fügen und sich im übrigen an
alte Sitten und Gewohnheiten zu halten habe, als verfehlt ab. Für sie
sollte nicht die hierarchische Struktur der Zhou-Dynastie maßgebend sein,
sondern das Gesetz. Anders als Konfuzius sehen sie nicht die Möglichkeit
der Erziehung und Selbst-Erziehung, nur durch Strafandrohung kann ihrer
Meinung nach das Gesetz durchgesetzt werden.
Mengzi (Mencius
371-289v.Chr.)
Mencius
gilt als Schüler des Konfuzius.
Die Periode der Hundert Schulen erlebte er nicht. Anders als Konfuzius
beschäftigte sich Mencius mit der Natur des Menschen. Der Charakter des
Menschen ist von Hause aus gut. Wenn jemand böse ist oder gegen die
Gebote handelt, so ist die Gesellschaft daran schuld. Auch Mencius
forderte zu politischem Handeln auf, lehnte Kriege ab, hielt aber die Tötung
eines unwürdigen Kaisers für gerechtfertigt.
Die Lehre Xunzis
(355 - 288v.Chr.)
Xunzi
lebte zur gleichen Zeit wie Mencius. Anders als dieser definierte er den
Menschen als von Natur aus böse. Von Geburt an strebe der Mensch nach
eigenem Vorteil. Dieses Streben ist die Ursache allen Übels. Der Mangel
des Charakters kann aber durch Erziehung positiv verändert werden;
Erziehung zur Läuterung war seine Devise. (aus: "China-Traveller
Handbuch").
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