Wer in chinesische
Aktien investiert, muß Spekulant, Zocker oder eben Chinese sein
Der
Kurssturz an den Börsen Chinas von über zehn Prozent seit Jahresbeginn
beunruhigt die Regierung und den Markt. Die Furcht vor einem latenten
Insiderhandel scheint nicht unbegründet. Dabei belastet der Streit
um mögliche Kursmanipulationen die chinesische Börsen und natürlich all
jene Berater, die immer noch behaupten, in China sei es möglich,
Transparenz in staatliche oder private Unternehmen zu bringen. Das
Gegenteil ist der Fall.
BEIJING/BERLIN:
Anfang Februar 2001 beunruhigen Nachrichten über einen fortdauernden
Insiderhandel die chinesischen Börsen und die mit ihnen Beschäftigten.
Wu Linglian, enger Berater von Chinas Ministerpräsident Zhu Rongji, hat
nach Informationen des Handelsblatt einen erbitterten Streit um die Rolle
von Chinas jungen Börsen entfacht. Wu kämpft seit Monaten gegen
grassierenden Insiderhandel und Kursmanipulationen. Zuletzt bezeichnete er
die 1990 gegründeten Börsen in Shenzhen und Schanghai als Zockerbuden,
die nicht einmal das Niveau von Casinos erreichten: Selbst in Casinos gibt
es Regeln. Man schaut nicht in anderer Leute Karten".
Wu`s
Attacke enthält im Grunde keine neuen Vorwürfe. In einer Untersuchung
vom Dezember 1999 bis April 2000 fand die Börsenaufsicht in Schanghai
heraus, dass die Kurse von mindestens 110 der fast 1200 Publikumsgesellschaften
in China durch illegalen Handel künstlich nach oben getrieben wurden. Der
oberste Finanzaufseher, der Regierung, li Finhua, hatte kurz zuvor bekannt
gegeben, dass die Bücher von mehr als zwei Dritteln der 1300 größten
Staatsfirmen des Landes ,inakkurat" seien. Fast alle börsennotierten
Gesellschaften in China sind zu 70 % und mehr in der Hand des Staates. Nur
ein Bruchteil ihrer Aktien ist im Umlauf.
Weitere
Staatsfirmen planen 2001 den Börsengang
Wu
Linglians Kritik schlug nicht wegen der Faktenlage ein, sondern wegen des
Timings. Im laufenden Jahr stehen zahlreiche große Börsengänge führender
Staatsfirmen an, darunter China Telecom und die Bank of China. Ein neues
Gesetz für Fondsgesellschaften soll im März vom Nationalen Volkskongress
verabschiedet werden. Außerdem muss die Regierung zur Finanzierung des
Sozialsystems bis zu 300 Mrd. $ mit Börsengängen einsammeln. Mehr noch:
BEIJING kassierte im Jahr 2000 umgerechnet 15 Mrd. DM Stempelsteuer auf
Aktiengeschäfte. Und Chinas Anleger - 30 bis 50 Millionen an der Zahl -
legen nach sieben Zinssenkungen und einer neuen Zinssteuer von 20 % immer
mehr Ersparnisse an den lokalen Börsen an, statt sie in Sparbüchern bei
den Staatsbanken zu horten. Eine Vertrauenskrise könnte die systematisch
geschürte Börseneuphorie ruinieren, das Finanzsystem in Turbulenzen stürzen
und die gesamte Wirtschaftsreform gefährden, heißt es im Handelsblatt
vom 19.02.01.
"Chinas
Kapitalmärkte sind die Chance der Transformation"
Die
Börsen haben für China eine fundamentale Bedeutung. Über den
Kapitalmarkt sollen die Mittel für die Transformation der
Staatswirtschaft in eine Privatwirtschaft beschafft werden. Das klappt
nur, wenn die Anleger auf Dauer Vertrauen in den Markt haben können.
Diese Ausgangslage ist aber auch eine Chance für die Kräfte, die die
Probleme des Marktes für eigene Zwecke ausnutzen. Es davon auszugehen,
daß sich mit den Börsen nicht nur reale Chancen, sondern auch erhebliche
Risiken für Anleger ergeben, die Spekulanten Tür und Tor öffnen bzw.
diese nicht wirklich abhalten.
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