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Beitrag der fiducia Hongkong Quelle: WirtschaftsWoche

 Ausgabe vom 23. November 2000

China auf dem Weg in die WTO: Eine Wirtschafts Woche – Exklusivstudie zeigt, was sich für deutsche Unternehmen in den wichtigsten Branchen ändert

Frank Sieren/BEIJING 

Niemand weiss genau, wann. Doch alle wissen, dass es passiert: In der ersten Hälfte des kommenden Jahres wird die Volksrepublik Mitglied der Welthandelsorganisation WTO. Sie ist dadurch gezwungen, ihre Zollschranken innerhalb von fünf Jahren abzubauen. Für das riesige Land ist das der wichtigste Schritt seit der marktwirtschaftlichen Öffnung des Landes Anfang der Achtzigerjahre. Alle chinesischen Unternehmen – ob staatlich oder privat – sind gezwungen, international wettbewerbsfähig zu werden. Die wichtigsten Fragen aus deutscher Sicht: Wie verändert der äußere Druck der WTO-Mitgliedschaft die Binnenwirtschaft Chinas? Und welche Marktchancen ergeben sich daraus für deutsche Unternehmen? 

Eine Wirtschafts Woche – Exklusivstudie, die in Zusammenarbeit mit der Hongkonger Unternehmensberatung Fiducia in den vergangenen Wochen erstellt wurde, findet die Antworten. In den zentralen Branchen Bekleidung, Chemie, Auto, Spielzeug, Papier und Haushaltsgeräte hat ein Spezialistenteam über 150 Unternehmen befragt, mit den entsprechenden Verbänden gesprochen und die neuesten chinesischen und ausländischen Zahlen für die Wirtschafts Woche ausgewertet. Der übergreifende Trend für alle Branchen: „Es ist für deutsche Firmen leichter Zugang zum Markt zu bekommen, die Konkurrenz jedoch vor allem durch chinesische Unternehmen wird größer“, fasst Jürgen Kracht, Chef von Fiducia die Entwicklung zusammen. 

Kann die WTO-Mitgliedschaft für ausländische Unternehmen also zum Nullsummenspiel werden? Heiko Bugs, Projektleiter der Studie, sieht das nicht so. Die Ergebnisse weisen eindeutig darauf hin, dass in allen Branchen die Märkte erheblich wachsen, „viel stärker als wir noch vor sechs Monaten angenommen haben“, so Bugs. „Die Binnenwirtschaft wächst stärker als die Exporte.“ Die Bedingungen werden härter, der Kuchen jedoch größer. Allerdings wird die Entwicklung langsamer ablaufen als gemeinhin erwartet. Zwar nehmen die meisten Unternehmen den WTO-Druck ernst und bereiten sich bereits jetzt entsprechend darauf vor. Doch „die Regierung wird darauf achten müssen, dass die Nebenwirkungen der Schlankheitskur für die chinesische Wirtschaft nicht überhand nehmen“ fasst Kracht die Entwicklung zusammen. 

Die größte Herausforderung für deutsche Unternehmen in China, so die Studie, liegt im Aufbau von verlässlichen Vertriebsstrukturen. Den größten Engpass wird es im Personalbereich geben: Ausländische und chinesische Unternehmen werden sich um die besten Führungskräfte streiten müssen. 

Papierindustrie 

Von der Rolle 

Vor über 2000 Jahren erfanden die Chinesen das Papier. Damals war es ein überaus wertvolles Material, dessen Benutzung allein den Reichen und Mächtigen vorbehalten war. Heute verbraucht jeder Chinese jährlich 25 Kilo Zellulose – in der Summe macht das rund 35 Millionen Tonnen. Und der Konsum steigt weiter. In zehn Jahren, so die Prognose, wird China mit einem Absatz von rund 100 Millionen Tonnen voraussichtlich der größte Papierverbraucher der Welt sein. Ob für Zeitungen mit einer Milliarde Lesern oder für die 350 Millionen Zigarettenraucher im Land: Viele Produkte brauchen Qualitätspapier. Doch den Bedarf kann China derzeit noch nicht aus eigener Kraft decken. 

Einerseits fehlt es an moderner Technik: Viele Fabriken sind klein und arbeiten noch mit alten, umweltschädlichen Maschinen. Vor allem aber fehlt es an Rohstoffen: Da das riesige Land nur zu 3,9 Prozent von Wald bedeckt ist, muss Holz für bessere Papierqualitäten importiert werden. Über die Hälfte der benötigten Mengen wird bisher auf Stroh- und Schilfbasis produziert. Dieses jedoch ist für eine industrielle Papierverarbeitung kaum zu gebrauchen. Ausländische Investoren sind da gefragt. Ihnen bietet das Land einige Anreize und auch gute Rahmenbedingungen. 

Deutsche Unternehmen lieferten früher große Mengen von Papier nach China. Doch inzwischen können sie preislich nicht mehr mit den Papierschwergewichten Skandinavien, Indonesien, Japan und Korea konkurrieren. Einen gewissen Ersatz bietet der deutschen Industrie allenfalls der Verkauf der Druckmaschinen. Und das wird wohl auch so bleiben. Michael Eden vom Importeur Melchers jedenfalls macht sich nicht viel Hoffnung: „Die WTO wird an der Wettbewerbssituation nicht viel ändern.“ 

Autoindustrie 

Lange Wartelisten 

Wenn ein Deutscher einen Audi A6 fahren möchte, ist er mit etwa 50.000 bis 70.000 Mark dabei. Ein Chinese, der gerne in einem der schick gestylten Edel-Audi herumkutschieren möchte, muss für einen Importwagen dieser Größenordnung und Klasse umgerechnet rund 210.000 Mark hinblättern. Oder er kann sich mit einem lokal produzierten A6 zufrieden geben, der zwar nicht in allen Details mit der Qualität aus deutschen Landen konkurrieren kann, aber schon für etwa 140.000 Mark zu haben ist. 

Horrende Zölle, Quotenregelungen und schlechte Produktionsbedingungen machten den ausländischen Autoherstellern in der Vergangenheit immer wieder das Leben schwer. „Unsere hohen Kosten ergeben sich dadurch, dass wir in China derzeit noch in geringen Stückzahlen produzieren“, erklärt Audi-Vorstand Erich Schmitt. „Außerdem sind wir verpflichtet, einen bestimmten Teil von lokalen Unternehmen liefern zu lassen.“ 

China hat es trotz emsiger Versuche bis heute nicht geschafft, selbst hochqualitative, konkurrenzfähige Autos zu entwickeln und in Eigenregie zu bauen – angewiesen ist die heimische Industrie auf Hilfestellung durch die großen Weltkonzerne. Derzeit können in China jährlich zwei Millionen Autos gebaut werden. Aber die Nachfrage ist fünfmal so hoch. 40 Prozent aller Importe von Autos und Autoteilen kommen aus Deutschland. Mit BMW, Mercedes-Benz und Volkswagen gehören drei deutsche Hersteller zu Chinas fünf beliebtesten Automarken. 

Obwohl die WTO durch steigende untertarifliche Barrieren und sinkende Zölle von Vorteil für die ausländischen Unternehmen sein wird, rechnet man mit einem harten Konkurrenzkampf. Vor allem im Kleinwagenbereich kämpfen mehrere internationale Konzerne um Marktanteile. 

Kunststoff 

Mehr Transparenz 

Auf chinesischen Baustellen werden dieses Jahr zwei Millionen Tonnen Kunststoff verbaut. Doch nur ein halbes Prozent kann China selber herstellen. China braucht jährlich 25 Prozent mehr Plastik für seine gigantischen Bauprojekte; doch die lokale Industrie kann nur mit einem Produktionswachstum von zehn Prozent dienen. Die Säule der chinesischen Kunststoffproduktion sind ausländische Unternehmen. Deshalb muss fast die Hälfte der Materialien teuer importiert werden, größtenteils aus asiatischen Nachbarländern. „Vor allem fehlt es in China an hochwertigen Kunststoffen“, erklärt Li Liansheng, Geschäftsführer von Demag Haitian Plastics. „Aber darum hat sich China auch ohne die WTO schon gekümmert.“ 

Auch in der Chemiebranche hat China Mühe, in kurzer Zeit selbstständig zu werden. „China hat zwar stark aufgeholt und ist ein ernst zu nehmender Konkurrent“, meint Rüdiger Barth, Leiter des Peking-Büros von Aventis. Seine Firma ist in China im Pharma- und Agrarbereich aktiv und muss  sich darauf einstellen, dass lokale Unternehmen demnächst die wichtigsten Bereiche der Lifescience-Industrie selber abdecken können. „Wir müssen uns durch Qualität unterscheiden“, sagt Barth. China hat mit einer cleveren Politik ausländische Investitionen angelockt: 35 Prozent der Investitionen auf dem Chemiesektor stammen von ausländischen Unternehmen. Zwar sind ausländische Firmen qualitativ oft überlegen. Dafür können sie bei der Preisgestaltung nicht mit ausländischen Produkten mithalten. Außerdem werden sie nicht weiter mit Steuervorteilen rechnen können. „Durch die WTO wird zwar einiges transparenter werden“, prognostiziert Barth, „ aber der Staat hat noch andere Möglichkeiten, in den Wettbewerb einzugreifen:“ 

Spielzeug 

Kleine Kaiser 

China ist der größte Spielzeugladen der Welt. Rund 30.000 Artikel werden hier produziert, für den eigenen Bedarf, vor allem aber für den Export. Die Gesamtproduktion deckt ein Viertel des Weltmarktes und brachte den Herstellern im vergangenen Jahr einen Exportumsatz von umgerechnet rund 5,1 Millarden US-Dollar. Die wichtigsten Abnehmer sitzen in den USA (60 Prozent des gesamten Export gehen dorthin), in der Europäischen Union (16 Prozent), in Hong Kong (acht Prozent) und Japan (sechs Prozent). Bisher sind 97 Prozent der Puppen, Modellautos und Kuscheltiere aus chinesischer Produktion von minderwertiger Qualität. Weil aber der Billigsektor weitgehend ausgereizt ist und Arbeitskräfte in anderen asiatischen Ländern inzwischen schon für deutlich weniger Geld arbeiten als die Chinesen, muss die Volksrepublik ihre Spielzeugfabriken mit großem finanziellen Aufwand technisch modernisieren. Im Jahr 2004 wollen die 6.000 Firmen, von denen die Hälfte in ausländischer Hand ist, internationalen Standard erreicht haben. 

Die WTO bietet dafür gute Voraussetzungen: heute noch gültige Tarife verschwinden; der Zugang zu internationalen Märkten wird einfacher; Rohstoffimporte werden billiger. Und mehr ausländische Unternehmen können investieren. Auch für Importe ausländischer Spielsachen ist China künftig offen. Ausländisches Spielzeug gilt als pädagogisch wertvoll. Chinesische Familien investieren 30 Prozent ihres Vermögens in ihre „kleinen Kaiser“, wie verzogene Einzelkinder in China genannt werden. Bei 300 Millionen Kindern ergibt das eine Kaufkraft von umgerechnet sechs Milliarden US-Dollar. Doch von den chinesischen Produkten landen bisher nur Waren im Wert von knappen einer Milliarde Dollar in chinesischen Kinderzimmern. 

Textilien/Schuhe 

Auf leisen Sohlen 

„Die chinesische Regierung findet immer etwas, um uns zu schikanieren“, beschwert sich der Geschäftsführer einer deutschen Bekleidungsfirma. „Wenn sie wegen der WTO die Import- und Exportquoten aufheben müssten, würden sie sicher eine Nähnadelsteuer erheben.“

China weiß, warum es seinen ausländischen Spinnern, Strickern, Webern und Schneidern mehr Einschränkungen auferlegt als andere Entwicklungsländer: Die Effizienz der Staatsunternehmen, die derzeit noch 61 Prozent der Exportware produzieren, lässt stark zu wünschen übrig und wäre ohne die Schutzmaßnahmen nicht wettbewerbsfähig. Immerhin hat man auch in China gemerkt, dass man mit Qualität weiterkommt als mit Ramschware. Die WTO wird diesen Trend beschleunigen und einen ordentlichen Produktionsschub auslösen: In den nächsten fünf Jahren soll sich die inländische Fertigung von Textilien auf acht Millionen verdoppeln. Der Weltmarktanteil würde dabei auf knapp 26 Prozent steigen. Vor allem Exporte sollen in den kommenden drei Jahren wachsen – gegenüber heute um über 20 Prozent. 

China ist die größte Schusterei der Welt. Es produziert nicht nur für 1,3 Milliarden Chinesen, die ungern barfuss laufen. 1999 versorgte die heimische Industrie auch die übrige Welt mit 3,4 Milliarden Paar Schuhen jährlich – der Weltmarktanteil  liegt damit bei rund 40 Prozent. Der WTO-Beitritt wird Chinas Schustern noch mehr Arbeit bescheren: Sobald die Importtarife für die teuer gewordenen Rohstoffe fallen, werden die Produktionskosten sinken. „Im Moment können wir nur die Hälfte unserer Schuhe in China produzieren“, klagt ein Adidas-Manager. Doch schon bald könnten teure Produktionsstätten in anderen asiatischen Ländern wie Thailand und Vietnam geschlossen und sämtliche Sportschuhe in China genäht werden. 

Haushaltsartikel 

Frischer Wind

Vorbei sind die Zeiten, als in China der Besitz eines Fahrrads, einer Armbanduhr und einer Nähmaschine als die Symbole höchsten Wohlstands galten. Mit höherem Lebensstandard steigt auch der Konsum an Haushaltsgeräten. Für 5,3 Milliarden US-Dollar exportieren deutsche Unternehmen im vergangenen Jahr elektrische und elektronische Produkte nach China. Während der Anteil an Fertigprodukten in den letzten Jahren sank, stieg der Bedarf an Komponenten. Ein Teil davon wird inzwischen im Land produziert. „In China hergestellte Produkte können problemlos auf dem Weltmarkt bestehen“, sagt Alex Feng, Repräsentant von KarstadtQuelle in Schanghai. Für 50 Millionen US-Dollar ließ KarstadtQuelle beispielsweise im vergangenen Jahr Sandwichttoaster, Haartrockner und Bügeleisen von lokalen Firmen herstellen und unter der Marke Privileg vertreiben. 

Gemessen an den Gesamtexporten nach Deutschland im Wert von 2,6 Milliarden US-Dollar ist das noch nicht allzu viel. Doch die Produktion soll in den kommenden Jahren weiter ausgebaut werden. Chinas Hersteller wollen allerdings nicht nur Zulieferer sein. Die zehn größten Unternehmen, die den Binnenmarkt weitgehend kontrollieren, etablieren sich im Ausland mit eigenen Marken – allen voran Haier Group. Weltweit gesehen kommt bereits jeder zweite Ventilator und jede fünfte Klimaanlage aus China. 

Die WTO kommt den chinesischen Firmen gerade recht. Zwar wird der Markt einer neuen Importwelle ausländischer Produkte ausgesetzt werden. Und viele alte Staatsbetriebe werden der verschärften Konkurrenz nicht gewachsen sein. Doch sowohl für Konsumenten als auch für Produzenten überwiegen die Vorteile. Alex Feng: „Importierte Komponenten werden billiger und mehr Investitionen fließen nach China.

   

 

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